1

Es war Ende November 2020.

Die Küsterin Sibylle K. verließ die Hittfelder Kirche durch die schwergängige Eingangstür und wischte sich müde eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Sie blieb einen Moment auf dem Kirchberg stehen, schlug den Mantelkragen hoch und schaute auf das stille Dörfchen Hittfeld.
In den vergangenen Jahren erwachte gleich nach dem Ewigkeitssonntag ein wuseliges Weihnachtstreiben im Dorf.
Doch in diesem Jahr war alles anders. Still und gedämpft war die Stimmung - nicht nur in Hittfeld.

Wegen der weltweiten Pandemie begegneten sich Menschen seit Wochen mit Argwohn, Abstand und mit Masken.
Die sonst so heimelige und spannende Vorweihnachtszeit würde wohl ganz anders werden.
Sibylle K. konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass nicht nur das Gewohnte und Geliebte fehlen würde,
sondern der Gemeinde noch ganz andere Ereignisse bevorstanden, die das Weihnachtsfest verändern würden.

Gerade jetzt, in dem Moment hier oben auf dem Kirchberg lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken,
den sie nicht zuordnen konnte, aber tief in ihr wuchs unmerklich eine grauenhafte Vorahnung…

2

… aber vielleicht war es auch nur der nagende Hunger. Seit heute Morgen hatte sie nichts mehr gegessen – es war einfach zu viel zu tun gewesen.
Schließlich sollte die Kirche zu Advent nur so glänzen, also hatte sie die Leuchter poliert, die Schleifenbänder gebügelt und die Kerzenhalter herausgesucht.
Hatte ausgebessert, was ausgebessert sein wollte und hatte Zubruchgegangenes oder Abhandengekommenes neu angeschafft.

Da – da war es wieder. Dieses merkwürdige Gefühl. Vorhin hatte sie es schnell beiseitegeschoben. Als sie in der kleinen Küsterkammer war, wo sie Vasen und Kerzen aufbewahrte,
da hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. „Blödsinn!“, hatte sie sich selbst gescholten. In dieser Kammer gab es nur Regale und Wände. Kein einziges Fenster,
nicht einmal eine kleine Luke oder Lüftungsschlitze. Wer sollte sie da also beobachten? Und trotzdem war dieses Gänsehautgefühl nicht gewichen.
Auch, als sie oben auf der Empore nach dem Rechten sah – dorthin verirrten sich gern mal Jugendliche, die eine Mutprobe zu bestehen hatten oder Touristen,
die die „Betreten verboten“-Schilder unten an der Treppe für eine Einladung hielten -, rieselte es ihr kalt über den Rücken, fühlte sie sich beobachtet.
„Ist hier jemand? Besser, Sie kommen jetzt raus!“, hatte sie in ihrer resoluten Art gerufen. Eine Antwort bekam sie nicht. Nur ein leises Geräusch, wie ein Wispern.
Als sie die Treppe wieder herabstieg, gab sie sich alle Mühe, auch jetzt mutig und handfest zu wirken. Aber ihre Knie schlotterten ein wenig.

Und nun stand sie hier auf dem Kirchberg, hinter sich die dunkle Kirche wie ein Wall, vor sich das Dörfchen, auf dessen Straßen niemand mehr zu sehen war.
Jeder nahm die Verordnung, sich so wenig wie möglich mit anderen zu treffen, ernst. Ganz allein stand sie dort – im Rücken das unangenehme Gefühl, nicht allein zu sein….

3

Sie wollte jetzt schnell nach Haus, hatte in der Kirche alles Wichtige geregelt, Vorbereitungen für den nächsten Sonntag getroffen und sehnte sich nach ihrem Kamin.
Sie wollte noch mit Ole nach den Gänsen sehen, das hatte sie ihm versprochen. Eigentlich wollte sie in diesem Jahr keine Gänse mehr haben,
doch Ole hing sehr an den Tieren, auch wenn sie letztendlich als Braten endeten.

Sie drehte sich um, ging auf die Kirchentür zu, drückte sie ins Schloss und drehte den Schlüssel um. Aus dem Augenwinkel heraus sah sie das Bündel in der Ecke liegen,
undefinierbar, eingepackt in Handtuch und Plastikfolie, ein langer Stock schaute oben heraus. Sie zögerte, Neugierde und gleichzeitig Angst machten jetzt das Frösteln aus.

Sie hörte, wie jemand schlurfte, leise, aber doch so, dass man es hören konnte. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie huschte hinter den Rhododendronbusch.
Eine Weile saß sie still im Gebüsch, lauerte, ob sie jemanden entdecken konnte, aber keiner war zu sehen. Hittfeld war immer noch wie ausgestorben.

Da! Da war das Geräusch wieder, wie ein Kratzen an der schweren Tür, sie war sich sicher. Es kam von innen, gefolgt von einem Rufen.

„Ich war es nicht!“ Eindeutig, die Stimme kam von innen. Das Rufen verwandelte sich zu einem Kreischen, doch die nachfolgenden Wortfetzen
verschwanden im Gedröhn des Glockenläutens, das allabendlich einsetzte. Sibylle ergriff allmählich die Panik. Sie arbeitete sich aus dem Gebüsch heraus,
klopfte die Erde vom Mantel und wich ein paar Schritte von der Tür zurück.

„Ich muss die Tür wieder aufmachen“ dachte sie bei sich. Doch eine innere Stimme sagte ihr: „Tue es nicht allein, hol dir Hilfe!“ Sie schaute sich um und ihr Blick fiel auf das Pastorat,
das gleich neben der Kirche stand. In der Küche brannte Licht.

Sie meinte das Rufen aus der Kirche immer noch zu hören, auch noch, als sie mit weichen Knien den Klingelknopf „Förster“ drückte…

4

Sibylle wartete und zog ihren Mantel enger um sich. Es schien niemand zu hören. Sie klingelte noch einmal. Nichts. Sie klopfte an die Tür, die just in dem Augenblick nach innen aufschwang.

„Hallo?! Hartmut? Bist du da?“, rief Sibylle in den Flur des Pfarrhauses hinein. Aber nichts rührte sich. „Hartmut? Bist du da?“, rief sie, diesmal in den Garten gewandt.
Vielleicht legte er ja wieder seinen Rehen ein bisschen Futter unter die Bäume. Aber auch aus dem Garten kam keine Antwort.

Sibylles Blick schweifte wieder hinauf zur Kirchentür. „So ein Mist! Ich will da nicht wieder allein rein!“, dachte sie und zog ihr Handy aus der Tasche. Sie versuchte den Bildschirm einzuschalten,
aber der blieb schwarz. „Typisch! Wenn man das Ding mal braucht, ist der Akku leer!“, enttäuscht steckte sie es wieder in ihre Manteltasche.

Dann kam ihr ein Gedanke. Sie stieß die Haustür weiter auf, trat ein, schloss die Tür hinter sich und ging den dunklen Flur entlang bis zur hell erleuchteten Küchentür.
„Irgendwo muss der Alte doch sein Festnetz stehen haben.“, dachte Sibylle. „Warum riecht es hier eigentlich so angebraten?“ Je näher sie der Küche kam, umso stärker nahm sie den Geruch wahr.
Ihre Schritte wurden intuitiv schneller. Jetzt trat sie in die Küche ein und sah ein schwarz angebranntes Stück Fleisch in der Pfanne neben dem Herd stehen. Sie ging näher an den Herd: ausgeschalten.
Sibylle hielt die Hand nah an die Pfanne – noch warm.

„Merkwürdig! Wo ist er denn?“, sie schaute sich in der Küche um.

Der kleine Tisch, der am Fenster stand, war mit einem Teller, Besteck und einem vollen Rotweinglas gedeckt. Zwei Brotscheiben lagen neben dem Teller. „Als ob ihn jemand vom Abendbrot abgehalten hätte –
Aber warum ist dann der Herd aus- und die Pfanne daneben abgestellt?“, Sibylle verstand das alles nicht. Sie zog sich einen Stuhl vom Tisch zurück und setzte sich.
Dann nahm sie das Weinglas und leerte es in einem Zug...

5

Sie schaute auf ihre Uhr und erschrak - Ole wartete zu Hause sicherlich auf sie.

„Ich muss ihn anrufen“, dachte sie, „er wird sich Gedanken machen“. Ole war eigentlich kein ängstlicher Typ; doch, wenn es um seine Frau ging, war er fürsorglich und konnte sich schon mal Sorgen machen.

Der Griff in die Manteltasche kam automatisch und im selben Augenblick fiel ihr ein, dass der Akku leer war.

Sie stieß den Stuhl zurück und sprang auf. Ein Telefon, dachte sie, wo ist hier das Telefon? Der Rotwein tat seine Wirkung und ihr wurde für einen Moment schwarz vor Augen. Sibylle hielt sich an der Tischkannte fest und zwang sich, ihre Gedanken in Ruhe zu ordnen.

Sie ging von der Küche über den Flur ins Wohnzimmer, dort brannte noch auf winziger Flamme das Feuer im Kamin. Es bestand aber keine Brandgefahr, die Scheibe des Ofens war gut verschlossen. Ihr Blick schweifte über den großen Holztisch, hin zum Bücherregal, kein Telefon in Sicht.

Auf der Fensterbank, nichts. Sie machte kehrt und stieg die Holztreppe hinauf in den ersten Stock. Dort lagen das Schlafzimmer und die ehemaligen Kinderzimmer. Die Kinder waren längst ausgezogen und die Zimmer wurden jetzt kaum genutzt.

Auf dem Flur lagen Kleidungsstücke verstreut, als hätte sie jemand hastig von sich gestreift, Mantel, Schuhe, Schal. Mittendrin ein kleines, rotes Blinklicht, was sie zunächst nicht deuten konnte. Sie bückte sich und sah näher hin. Es war das Telefon, jemand hatte eine Nachricht hinterlassen.

Eigentlich konnte sie sich glücklich schätzen, das Telefon in der Hand zu haben. Doch die Geschehnisse in der Küche, die noch warme Pfanne am Herd, das Feuer im Kamin… irgendetwas stimmte hier überhaupt nicht. Sie zögerte einen kleinen Augenblick, drückte dann die Mailboxtaste und lauschte der Stimme des Anrufers...

6

„Hallo Papi, ich erreiche Dich gerade nicht. Ich wollte Dir nur schnell Bescheid sagen, dass ich später kurz vorbeischaue, um meine Reitstiefel abzuholen. Sie müssen noch irgendwo im Keller stehen. Bis später… und vielleicht hast Du dann auch noch eine Kleinigkeit zu Abendessen für mich? Bis später…tschüß!“ Es folgte der übliche Piepton und eine maschinelle Stimme sagte: “Sie haben keine weitere Nachricht.“ Sibylle ließ das Telefon sinken und hörte im selben Moment ein Stöhnen aus dem Erdgeschoss. Sie hastete die Treppe hinab und blickte auf den benommen wirkenden Hartmut Förster, den Pastor der Hittfelder Gemeinde. Als sie nähertrat, sah sie ein Rinnsal frischen Blutes von Hartmuts Stirn herablaufen.

„Oh Gott, Hartmut, was ist mit Dir?“, fragte Sibylle und führte ihn zum Stuhl in der Küche. Während er sich den Kopf hielt, flößte sie ihm ein Glas Wasser ein. „Ich bin so ein Dussel“, begann Pastor Hartmut Förster und verzog sein Gesicht zu einem schmerzhaften Grinsen.“ Sibylle schaute besorgt auf die keine Wunde an seiner Stirn, die aber bereits zu bluten aufgehört hatte. „Was ist passiert, Hartmut?“ „Ach, ich wollte mir ein Glas Rote Bete aus dem Keller holen und bin irgendwie mit dem Kopf gegen das niedrige Heizungsrohr an der Kellerdecke geknallt. Ich bin, wie immer, zu schnell unterwegs gewesen. Du weißt doch, kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort!“, lachte Hartmut nun schon wieder.

Nachdem Sibylle die Kopfwunde versorgt hatte und sich überzeugte, dass es Hartmut einigermaßen gut ging – immerhin war er so benommen gewesen, dass er nicht mitbekommen hatte, dass sie das Haus betreten und nach ihm gerufen hatte, als er im Keller war – tauchte Hartmuts Tochter Elisabeth ganz plötzlich in der Küche auf und erschrak beim Anblick ihres Vaters. Besorgt lauschte sie seiner Erzählung und war beruhigt, dass der kleine Unfall wohl nichts Schlimmeres angerichtet hatte. Gerade als Sibylle mit ihrer Schauergeschichte von der Kirche beginnen wollte, sagte Elisabeth: „Schaut mal, ich habe eine kleine Hand auf dem Kirchberg gefunden!“ Sibylle erschrak fast zu Tode! Plötzlich kehrte dieses grauenerregende Gefühl zurück in ihren Körper. Jegliche Farbe war ihr aus dem Gesicht gewichen, als Elisabeth eine kleine Keramikhand, vermutlich von einer Puppe, aus der Manteltasche zog. Sibylle schrie kurz auf. Verwundert blickten Hartmut und Elisabeth sie an…

7

Sie kannte diese Hand.

Klar, es war keine echte, aber es war die Puppenhand ihrer Tochter Klara. Sie erkannte sie daran, dass die kleinen Fingerchen etwas angeknabbert waren. Daran hatte sie immer aufgeregt genuckelt, wenn der Papa immer Gute-Nacht-Geschichten erzählte und die spannenden Stellen kamen. Was machte diese Puppenhand nun auf dem Kirchberg? Wo war der Rest der Puppe? Sybille dachte angestrengt nach, wo sie die Puppe zuletzt gesehen hatte.

Zum Schluss hatte sie immer einen Ehrenplatz auf dem Kamin neben dem Weihnachtsbaum bekommen. Dabei trug sie ein niedliches Dirndl mit Weihnachtsmotiven. Das war das Lieblingskleid von Klara. Ihre Großmutter hatte es mit der Hand genäht. Das letzte Handwerk, bevor sie aufhören musste, da die Finger nicht mehr ruhig bleiben wollten.

Nun lag die Hand draußen herum. Sybille betrachtete die Puppenhand näher. Nein, es war nichts Auffälliges daran zu sehen.

Ja, jetzt viel es ihr wieder ein. Sie hatten die Puppe in den Weihnachtskarton legen wollen, als die Feiertage zu Ende waren, aber dann war sie verschwunden. Keiner wusste, wo sie war. Klara war außer sich. Das Familiendrama im Januar. Das ganze Haus wurde damals auf den Kopf gestellt, um diese Puppe zu finden, aber vergebens. Sie war weg. Sybille hatte dieses Erlebnis wohl schon wieder verdrängt. Jetzt fiel es ihr wieder ein. Und was ihr noch in Erinnerung gekommen war, war, dass sie dieses ungute Gefühl auch damals hatte. Wie konnte sie das vergessen?

„Sybille, was ist eigentlich mit dir los?“ fragte nun Hartmut, der die ganze Zeit in der Küche auf eine Regung der Küsterin wartete. Auch seine Tochter blickte sie verunsichert an. …

8

… „Ach – ich weiß auch nicht! Vorhin, da war mir so komisch. In der Kirche. Als ob da jemand oben auf der Empore war. War aber niemand. Nur so ein Wispern. Und dann vor der Kirche – da habe ich mich beobachtet gefühlt. Und mich versteckt. Und dann kam da so ein Kreischen aus der Kirche, jemand schrie ganz schrill: ‚Ich war es nicht!‘ – und da bin ich zu dir rüber gelaufen.“

Hartmut sah Sibylle mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Ja, ja – ich hab‘ das Glas Rotwein geleert. Mann, ich war wie im Schock! Dieses Geschrei – schlimmer als in der Geisterbahn war das!“, Sibylle war sofort bereit, sich zu verteidigen. Sie war sich sicher, dass dort in der Kirche jemand – etwas – gewesen war, das sie beobachtete, das sich ihr näherte, ungesehen. War es nicht auch so, als sei ein kalter Lufthauch über sie hinweg gestrichen, als sie in der Küsterkammer stand?

„Ach, Sibylle – niemand will dir hier doch was Schlimmes. Was du erzählst…“. Hartmut kam nicht weiter, denn Elisabeth fiel ihm ins Wort: „Du, kannst du mir sagen, wo meine Reitstiefel sind? Dann muss ich nicht lange suchen. Ich bin ein bisschen in Druck, muss gleich wieder los.“ „Aber ich dachte, du wolltest noch mit mir zu Abend essen?“, fragte ihr Vater. „Nee, geht doch nicht. Also – wo finde ich die Stiefel?“ Nachdem Hartmut ihr den Aufbewahrungsort für die Reitstiefel genannt hatte, lief sie schnell in den Keller und kam gleich darauf mit den Stiefeln in der Hand wieder nach oben gestürmt. „Bin dann mal weg, Tschüß!“, rief sie ihrem verdutzten Vater zu, und schon schlug die Tür ins Schloss.

„Na, ich geh dann auch mal. Ole wartet schon auf mich. Die Puppenhand, die nehme ich mal mit – vielleicht findet sich ja auch noch der Rest der Puppe an. Klara wird ganz schön wüten, wenn ich ihr erzähle, dass ihre Puppe nun nur noch eine Hand hat.“ Sibylle wandte sich zum Gehen. „Warte mal,“ sagte Hartmut. „Ich wollte es nicht an die große Glocke hängen, aber auch ich habe in den letzten Tagen Merkwürdiges oben auf dem Kirchberg erlebt.“ …

9

„Wo bleibt sie nur? Sie ist doch sonst immer pünktlich!“, Ole stand am Flurfenster und sah hinaus auf die Einfahrt. Er wartete nun schon seit einer Stunde auf Sibylle.

„Dann schau ich eben ohne dich nach den Gänsen“, dachte er bei sich und fuhr mit seinen Füßen in die dicken Stiefel. Dann nahm er seine Fleecejacke, zog sie an und öffnete die Tür. Draußen durchfuhr ihn eine eisige Windböe. Er zog die Schultern nach oben und schloss die Jacke vorn mit dem Reißverschluss.

Die Dämmerung hatte begonnen und die ersten Nebelschwaden zogen über die Wiesen hinter dem Hof. Ole mochte diese Stimmung. Leise begann er vor sich hinzusingen: „und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbaaa – Ach du Schande!“, er war nur noch wenige Schritte vom Gänsestall entfernt, da fiel ihm ein, dass er ganz vergessen hatte, den Weihnachtsbaum zu holen.

„Mist! Dabei hatte ich Horsti doch gesacht, ich komm heut rüber und hol ihn. Na denn mal los, nich?“, sagte er zu sich, holte tief Luft, rieb seine Hände aneinander und sputete sich. Seine Gänse wollte er auf keinen Fall noch länger warten lassen.

Er lief um den Stall auf die Wiese und rief sie zusammen. Sie kamen mit lautem Geschnatter angewatschelt. Ole ging, ihnen voraus, zum Hintereingang in den Stall hinein. Drinnen verteilte er ein bisschen Futter und schaute seinen Gänsen dabei zu, wie sie sich ihren Platz suchten und ihre Flügel plusterten.

„Na, Berta, geht’s dir gut? Hattest du einen schönen Tach – und, Hubert, du auch? Was macht dein Füßchen, Agathe, ists wieder heile?“, Ole hatte seinen Lieblingen wie in jedem Jahr Namen gegeben. Er konnte einfach nicht anders, als sich mit ihnen zu unterhalten. „Heute muss ich gleich weiter – tut mir leid. Ich muss doch den Baum noch holen.“ Er ging zur Hintertür, schaute noch einmal in die Runde der weißen Schar und schloss dann den Stall hinter sich.

Er stapfte über den Hof und auf die Werkstatt zu, wo er seine Motorsäge holen wollte. Dabei fiel sein Blick auf die Einfahrt. Das Auto von Sibylle war immer noch nicht da…..

10

Doch währenddessen wartete Sybille auf Hartmuts weiteren Bericht. „Na toll, erst guckst du mich an, als wenn ich zu viel Wein getrunken hätte und nun… Erzähle bitte!!“ Sybilles Neugier war kaum auszuhalten.

„Ich ging nach der Krippenspielprobe nochmal in die Kirche zur hinteren Eingangstür und versuchte sie zu öffnen. Natürlich klemmte sie wieder. Während ich den Schlüssel hin und her drehte, hörte ich plötzlich ein Gelächter. Als ich mich erschrocken umdrehte, war nichts zu sehen. Ich hatte den Superintendenten in Verdacht, der sich immer wieder darüber amüsiert, wenn ich mich an diesem Schloss abkämpfe. Er hat noch nie Probleme damit gehabt.

Daher kümmerte ich mich nicht weiter um die Sache. Aber am nächsten Tag stellte sich heraus, dass er an dem Abend gar nicht da war, sondern in Buchholz eine Konferenz hatte. Am folgenden Tag sah ich dann auf der Sitzbank neben der Kirche…“ Sie wurden unterbrochen, als die Gemeindesekretärin zur Küche hereinstürmte. „Herr Pastor Förster, da sind Sie ja. Ich suche Sie schon überall. Könnten Sie mal kommen? Der Drucker funktioniert mal wieder nicht. Er macht lauter Streifen und die Adventsgrüße sollen doch noch vor dem Wochenende raus. Die zuständigen Techniker haben schon alle Feierabend. Na, so einen Job möchte ich auch mal haben! Wie sehen Sie denn aus? Wollten Sie mal wieder alles gleichzeitig machen?“„Ich komme!“ sagte Hartmut. Er stand auf und ging ins Büro.

Sybille war fassungslos. Wie konnte jetzt dieser blöde Drucker versagen, wo es nun wirklich Spannenderes gab? Sie musste noch unbedingt erfahren, was Hartmut erlebt hat. Dann war an ihren seltsamen Gefühlen also doch etwas dran. Sie konnte sich das nicht eingebildet haben.

Nun aber musste Sie endlich nach Hause. Ole machte sich sicher schon Sorgen. Sie schnappte sich die kleine Porzellanhand und machte sich auf den Weg. Seltsam, dass die Hand nicht zerbrochen ist…

11

Am nächsten Morgen erwachte Sibylle erstaunlich ausgeruht. Ole und sie hatten einen gemütlichen Abend verbracht, er hatte ihrem Bericht interessiert gelauscht, sie in den Arm genommen und ihr wieder einmal ein Gefühl tiefer Sicherheit geschenkt. Alles würde sich in Wohlgefallen auflösen.
Nach dem gemeinsamen Frühstück stieg sie nun in ihr Auto und fuhr zurück nach Hittfeld. Heute musste sie das Gemeindehaus und die Kirche für die Adventzeit herrichten. Das war viel Arbeit, aber es würde sie auf die bevorstehende, festliche Zeit einstimmen. Gerade in diesem Jahr, wo es weder Adventsmarkt noch weihnachtliche Konzerte oder Veranstaltungen gab, sollte die Kirche, die Gott sei Dank geöffnet bleiben durfte, für die Besucher besonders stimmungsvoll erstrahlen.
Das frische Tannengrün, Draht, Schere und Schleifenband legte sie vor der Kirchentür ab, kramte ihr Schlüsselbund aus der Manteltasche und schloss die Kirchentür auf. Das kalte Morgenlicht fiel durch die großen Kirchenfenster und tauchte das Innere der Kirche in ein fahles Licht. Sibylle ging Richtung Altar, um die Decken-Beleuchtung einzuschalten. Plötzlich erstarrte sie. Ein Fuß ragte aus einer der vorderen Kirchenbänke und sie hörte ein leises Schnarchen. Sie trat näher heran und erspähte eine abgerissene männliche Gestalt lang ausgestreckt und wohl tief schlafend. Wie kam denn dieser Mann hier herein? Warum hatte die Alarmanlage nicht reagiert? Noch während ihr diese Gedanken durch den Kopf schossen, erwachte der Mann und schaute Sibylle aus verschlafenen und dennoch stechenden Augen an. „Was wollen Sie hier?“, rief Sibylle und bemerkte im selben Moment, dass ihre Stimme sich nicht besonders freundlich anhörte. Der Mann reagierte gar nicht, er rappelte sich lediglich auf und lachte laut und kreischend. Mit schleppendem Schritt lief er durch die Bänke und sein gespenstisches, verrücktes Lachen hallte durch die Kirche. Plötzlich blieb er stehen, schaute sich um und rief: „Es wird kein Weihnachten geben! Hände, Füße, Kopf werden fehlen…alles kaputt…alles krank und tot! Tot,tot,tot!“ Dann folgte wieder dieses kreischende Lachen und der Verrückte verschwand auf der Empore.
Nun reichte es Sibylle wirklich. Sie zog ihr frisch aufgeladenes Handy aus der Tasche und wählte Hartmuts Nummer. Das sollte er klären.

12

Sie lauschte am Telefon den Freizeichentönen, hoffte, das sich am anderen Ende schnell jemand meldete; doch ihre Hoffnung wurde jäh zerstreut. “Hier ist Hartmut Förster, leider nicht persönlich; doch wenn Sie mir eine Nachricht aufs Band sprechen, melde ich mich bei Ihnen.”
Sibylle überlegte, einen der anderen Pastoren anzurufen, doch die Ruhe hatte sie nicht. Ihr Blick fiel auf den Schatten, der oben auf der Empore verschwand. Sie konnte es sich nicht erklären, warum der Mann den Alarm nicht ausgelöst hatte...
Sie lauschte noch eine Weile und hörte ein Rumoren, dann trippelnde Schritte auf dem Dachboden. Von unten konnte sie genau ausmachen, in welchem Abschnitt er sich gerade befand.
Ihr war eiskalt, doch sie schob die Kälte weg. Das glaubte ihr keiner, was sie hier gerade erlebte!
Ihre Neugierde war einfach zu groß und so lief sie zur Alarmanlage, um sie unscharf zu schalten. Ihre Füße setzte sie vorsichtig auf die Treppenstufen; denn sie wusste genau, welche der Dielen knarrten und welche nicht. Ihr Herz pochte schon fast bis zum Hals, doch sie zwang sich, weiter zu gehen. An der Orgel vorbei, links um die Ecke, jetzt hatte sie die Stiege erreicht, die wie eine Hühnerstiege aussah, so steil, wie sie war. “Zugang nur für autorisiertes Personal” stand auf dem Schild, welches an dem alten Notenschrank neben der Treppe befestigt war. Nicht jeder hätte sich da hoch getraut; doch Sibylle war diese Treppe gewohnt und sie war autorisiert, oben lagerten ihre Kisten mit der Weihnachtsdeko.
Sie griff mit beiden Händen kräftig ins Geländer und zog sich die Stufen hoch. Nun stand sie auf dem Orgelboden und lauschte wieder. Doch außer dem leisen “Tock Tock” der Uhr waren keine weiteren Geräusche zu hören. Sie schlich weiter und erschrak, als ihr Fuß an eine leere Rotweinflasche stieß, die dort im Weg lag. Sie griff schnell zu, um zu verhindern, dass die Flasche die Stiege herunter fiel....

13

Das war ja wohl die Höhe! Vor ihr breitete sich ein regelrechtes Feldlager aus. Leere Raviolidosen, noch mehr Rotweinflaschen – bei näherem Hinsehen fand sie heraus, dass es sich um den teuren Messwein handelte, den sie in ihrer Küsterkammer unter Verschluss hielt -, ein Schlafsack, der ihr merkwürdig bekannt vorkam und das kleine Kissen, das Weihnachten immer das Jesuskind in der Krippe bedeckte. So was! Da hatte sich doch jemand tatsächlich ein Lager hier oben eingerichtet. Und hatte es schon seit längerem benutzt, das konnte sie aus der Anzahl der Dosen und Flaschen schließen. Aber warum hatte diese verflixte Alarmanlage nie ausgelöst? Wozu hatten sie das blöde Ding denn, wenn es sowieso nicht arbeitete? Das musste sie nachher erstmal dem Kirchenvorstandsvorsitzenden berichten – und Hartmut, der sich bestimmt sofort darum kümmern und die zuständige Firma anrufen würde. Aber nun wollte sie zunächst mal diesem merkwürdigen Typen hinterher – wo der wohl abgeblieben war?
Sie schlich weiter, bis sie ihren Fuß an etwas Hartem stieß. Leise jaulte sie auf – das war schon ganz schön massiv, was da im Weg herum lag. Sie sah genauer hin und fuhr zusammen: Da lag Oles Motorsäge! Die hatte er gestern den ganzen Nachmittag gesucht, und ihr Fehlen war der Grund dafür, dass sie noch immer keinen Weihnachtsbaum hatten. Sie mochte große Bäume - Ole sagte immer, dass die Tanne auf der Binnenalster auch nicht viel größer sei als die Bäume, die er zu Weihnachten heranschleppen musste. Und daher sägte er nie mit der Handsäge, sondern immer mit der Motorsäge. Nur gestern nicht. Da konnte er sie nämlich nicht finden. Sie hatte ein wenig herumgenörgelt, sich dann aber doch von Oles interessierten Nachfragen über die Geschehnisse auf dem Kirchberg trösten lassen. Und jetzt das!
Als sie genauer hinsah, bemerkte sie die rostroten Flecken auf dem Sägeblatt...

14

Im selben Augenblick stand 3 km entfernt Ole absolut ratlos und mit hängenden Schultern in seiner Werkstatt. Es war zum Mäuse melken: Nirgends konnte er auch nur die leiseste Spur seiner Motorsäge finden. Zum gefühlt 100. Mal ließ er den Blick systematisch über alle Regale, Bretter, Ecken und Winkel schweifen. Nichts. Er hasste es, wenn Dinge verschwanden, ohne dass er es sich erklären konnte. Alles hatte bei ihm seinen Platz.
„Gut, dann muss mir Horsti eben aushelfen.“, brummte er in seinen Bart, drehte sich zur Tür um und ging hinaus. Er wollte die Tür gerade schließen, als sein Blick auf etwas kleines Helles fiel, das am Boden hinter der Tür zum Vorschein kam. Er bückte sich und hob es auf. „Was haben wir denn da?“, sagte er zu sich. Er wischte den Dreck weg und schaute sich den kleinen Puppenfuß mit fragendem Gesichtsausdruck an. „Wie kommst du denn hier her?“, fragte er den kleinen Porzellanfuß. Der antwortete natürlich nicht. Ole bewegte ratlos den Kopf hin und her und steckte sich den Puppenfuß in die Hosentasche.
Ole lief über den Hof, überquerte dann die Straße und ging zu seinem Nachbarn Horsti, der ihm für dieses Jahr seine Nordmanntanne hinterm Haus versprochen hatte. Knappe 4 Meter misst die Gute inzwischen. Ole lächelte in sich hinein, als er in den Hof seines Nachbarn einbog. Da sah er, wie Horsti gerade mit der Schubkarre aus dem Scheunentor kam und hob den Arm, um ihn zu grüßen.
„Ole, nu ward ober ok Tied!“, rief ihm Horsti über den Hof zu. „Hast` deine Säge wieder gefund´n?“
„Frag nich, wo die ist! Ich hab alles abgesucht. Spurlos verschwunden. War´n bestimmt die Diebe, die letzte Woche auch in Maschen die ganzen Geräte aus den zwei Garagen geklaut haben!“
„Sind die jetzt schon hier unterwegs? Na die soll´n mal komm, op de tööv ik all!“ Horsti schaute Ole an und merkte, dass der ganz und gar nicht glücklich war. Er klopfte Ole erbaulich auf die Schulter. „Ach Ole, von so jemanden lassen wir uns doch den Tag nicht versauen! Ich hab´ doch auch ´ne Säge. Nu soocht wi ierstmol de Tann üm un denn givt dat Lütt un Lütt för de Nervens!“
„Recht hest du. Laat uns man tomaaken. Dann kann sich Sibylle heut Abend ans Baumschmücken machen.“, erwiderte Ole. …

15

Sibylle konnte nicht viel erkennen, da sich dieser Mensch mit herunterhängenden Tüchern, die eigentlich als Tischdecken für Gemeindefeste gedacht waren, ein richtiges Lager aufgebaut hatte. Die Tücher wirkten wie Trennwände. Kein Wunder, dass der Typ sich hier gut verstecken konnte. Wo war er nur?
Sie stieg vorsichtig über Oles Motorsäge hinweg und schlich vorsichtig weiter. Da, da hörte sie etwas: ein rasselndes Atmen direkt neben sich. Ihr Herz schlug so sehr, dass sie Pochen in ihren Ohren hörte. Sibylle tastete mit ihrer rechten Hand langsam in ihre Jackentasche und bewegte sich sonst nicht. Ihr war die kleine Taschenlampe eingefallen, die sie noch von gestern Abend dabeihatte. Die wollte sie herausholen und in den dunklen Schatten, von wo das rasselnde Atmen kam, leuchten. Sie griff blitzschnell nach der Lampe, drückte den Schalter und hielt den Arm direkt zum Geräusch. Sie blickte im Scheinwerferlicht in zwei rot angelaufene Augen, die sie groß anstarrten. Plötzlich klingelte ein Handy. Sie schrie auf und ließ vor Schreck die Taschenlampe fallen. Das Handy klingelte weiter. Der Unbekannte begann ebenfalls zu schreien: „Ich war es nicht! Weihnachten ist tot.“ Dabei stand er auf, rannte Sibylle einfach um, schnappte sich irgendetwas und war weg. Sie hörte benommen das Trampeln auf den Dielen und der Treppe.
Sibylle musste sich erstmal beruhigen und sammeln, bis sie begriff, dass es ihr Handy war, das immer noch klingelte, und dass der merkwürdige Mann weg war und dass sie auf irgendetwas saß, das sie ganz unangenehm piekte. Dann griff sie nach der noch auf dem Boden liegenden leuchtenden Taschenlampe und kramte ihr Handy hervor. Es war Ole, der anrief.
„Ole! Du hast mich fast zu Tode erschreckt, Ich hatte ihn schon, nun ist er weg und deine Motorsäge ist auch hier, Moment, nein er hat sie mitgenommen, sie ist nicht mehr da! ... Ole, er war auf dem Dachboden der Kirche! Hier ist ein Chaos, das glaubst du nicht“
„Sibylle, was ist denn los? Wovon sprichst du?“ Ole war nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen, aber was er jetzt hörte, machte ihm Angst. Was sagte Sibylle da? Das ergab alles keinen Sinn. Schon während er mit Sibylle weiter sprach zog er sich Mantel und Schuhe an. Er musste zu ihr. Da musste etwas Schlimmes passiert sein. …

16

Nach dem Vorfall auf dem Dachboden der Kirche war Ole sofort gekommen. Nun saßen Sibylle und er im Kirchenschiff und versuchten die Geschehnisse zu ordnen. Tatsache war, dass der mysteriöse alte Mann schon eine Weile auf dem Dachboden zu hausen schien, aber was hatte ihn so verwirrt und so in Rage gebracht? Und wie um Gottes willen war Oles Säge dort oben hingekommen? Und wo war sie jetzt? Die beiden schauten sich ratlos an.
„Kann ich Euch irgendwie helfen?“ rief nun jemand durch die sich öffnende Kirchentür und Horsti schlurfte in seinen dicken, dreckigen Botten herein. „Ich wollte nur schnell sehen, ob hier alles in Ordnung ist!“
Ole war mehr als verwundert. Hatte Horsti nicht nach dem aufgeregten Anruf von Sibylle, süffisant lächelnd, abgewunken und gemeint, sie wäre wohl leicht hysterisch und überarbeitet und dass er sich nicht vorstellen könne, dass irgendetwas Verrücktes in der Kirche vor sich ginge – an so einem heiligen Ort? Das hatte ein wenig bitter geklungen. Und nun stand er scheinbar besorgt vor Ihnen. Bildete sich Ole nur ein, dass hier etwas nicht stimmte? Oder war er nun auch schon überspannt? Er ließ sich nichts anmerken.
„Nö, alles nicht so schlimm…hier hat es sich nur ein Penner auf dem Dachboden gemütlich gemacht und einen Saustall hinterlassen“ antwortete Ole. „Den Unrat müssen wir schnellstens beseitigen. Da kannst Du mir gleich mal helfen! Und Du Sibylle gehst mal zur Diakonie und fragst, ob die den Alten vielleicht kennen und was wir für ihn tun können!“ Ole war ein Mann der Tat und Sibylle war es ganz recht, dass sie klare Anweisungen erhielt. Nach all der Aufregung war sie noch nicht wieder in der Lage klar zu denken. Sie gab den beiden Helfern noch schnell ein paar Müllsäcke und verschwand dann Richtung Diakonie.
„Sibylle, Sibylle!“ Hartmut Förster brüllte hinter ihr her. „Sibylle, nun warte doch mal. Du läufst ja, als wäre der Teufel hinter Dir her!“ Er hatte sie nun fast eingeholt und schwenkte etwas Hautfarbendes in seiner Hand hin und her. Nun hielt er es hoch. Es war ein Puppentorso ohne Arme, ohne Kopf und ohne Beine. Sibylle fühlte sich plötzlich schwach und drohte in sich zusammen zu sinken. Irgendjemand spielte ihr hier böse mit und wollte sie in den Wahnsinn treiben. „Also, nun schau doch mal! Es ist zwar nur eine Puppe, aber das ist doch wohl die Höhe, diese verunstaltete Figur mitten auf dem Kirchberg vor dem Turm abzulegen. Kannst Du Dir das erklären?“ Das letzte Wort von Hartmut, hörte Sibylle schon ganz weit weg, bevor ihr schwarz vor Augen wurde und ihr jemand ganz das Licht ausknipste.
Als sie die Augen wieder öffnete, kniete Hartmut neben ihr und ihr Kopf ruhe auf seiner Jacke. „Sibylle, was machst Du denn für Sachen? So etwas kann Dich doch sonst nicht aus den Socken hauen. Bleib mal einen Moment liegen und dann bringe ich Dich erstmal nach Hause und wir sehen weiter.“

17

„Da wohnt einer im Kirchendach, Hartmut! Wir müssen zur Diakonie!“, stieß sie hervor und rappelte sich wieder auf, von Hartmut fest gestützt. „Der Typ kann ja schlecht da oben auf dem Dachboden wohnen bleiben.“
„Du machst jetzt mal halblang und steigst ins Auto. Ich fahr dich jetzt nach Hause“ sagte Hartmut mit bestimmter Stimme. „Und keine Widerrede“ fügte er mit einem ernsten Blick hinzu, als Sibylle Luft holte und zum nächsten Satz ansetzen wollte. Sie ergab sich ihrem Schicksal ohne zu wissen, was sich grade auf ihrem Hof abspielte.
Als sie in die Toreinfahrt einbogen, sahen sie mehrere Polizeiwagen kreuz und quer auf dem Hof stehen. Die Beamten liefen aufgeregt hin und her, schauten in die Scheune und kamen aus dem Gänsestall.
„Was ist denn hier los?“ entfuhr es ihr, als sie aus Hartmuts Auto stieg. „Ist was passiert?“
„Nein, alles gut Sibylle“, beruhigte sie Fred, einer der Polizisten. Sie kannte ihn von früher, ihr Sohn und Fred waren Klassenkameraden. Er war öfter zu Besuch gekommen und es ist eine Freundschaft entstanden.
„Was macht ihr dann hier?“ Sibylle verstand es alles nicht.
„Komm, setzen wir uns in die Küche!“, schlug Fred vor. Drinnen setzen sie sich an den Küchentisch und Fred begann zu erzählen. „Wir hatten in letzter Zeit mehrere Einbrüche, die uns gemeldet wurden, auch hier aus dem Dorf. Stets waren Garagen und Scheunen aufgebrochen und Maschinen geklaut worden. Nichts Neues, alles schon gebrauchte Dinge, aber noch funktionstüchtig. Auffällig viele Motor -und Kreissägen waren dabei.“
„Ja, das habe ich mitbekommen“ Sibylle stand vom Küchentisch auf und setzte Teewasser auf. „Unsere war auch verschwunden, aber ich dachte, Ole hätte sie nur verlegt.“
„Ganz seltsam war, dass auch Spielzeug von Kindern verschwand, meist waren es Dinge von Mädchen: Bälle, Puppen und so’n Kram“
„Puppen?“ Sibylle schüttelte das Wattegefühl aus den Ohren. „Hast du Puppen gesagt?“ Sibylle spürte, wie ihr eine Gänsehaut über die Arme bis in den Nacken zog.

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Dieses dauernde Schwächeln ging ihr gehörig auf die Nerven - sie war kein zierliches Blümchen-rühr-mich-nicht-an, sondern eine gestandene Frau von Anfang 60, die in ihrem Leben schon so einiges erlebt und durchgestanden hatte.
"Soso. Hier in Seevetal verschwinden also Puppen und Motorsägen. Das erklärt zwar die Puppenhand und den Torso, den Hartmut gefunden hat; aber sag mal, Fred: Wer klaut denn so'n Zeugs?" Fragend sah Sibylle den jungen Polizisten an.
"Tja, gute Frage. Die haben wir uns natürlich auch schon gestellt. Und haben zuerst an eine Jugendgang gedacht, die ihren kleinen Geschwistern einen Streich spielen wollen.“
„Hm, da könnte was dran sein. Was die Puppen angeht. Aber was machen die dann mit den Motorsägen? Die kriegen die doch nie unbemerkt in den Einsatz, wenn die Wettsägen veranstalten wollen." Sibylle war sich ganz sicher, dass ihr das Geknatter von Dutzenden von Motorsägen sofort auffallen würde.
"Naaa, -" eine knarzende Stimme ließ sich von der Hoftür her hören. "Naa, worüber habt ihr denn hier zu tagen?", fragte Horsti, der gerade mit Ole in die Küche kam.
"Seid ihr denn schon fertig mit dem Aufräumen vom Dachboden?“, fragte Sibylle und schaute an die Küchenuhr. „Na sowas, es ist ja schon Abendbrotzeit! Da solltest du mal fix nach Hause gehen. Oder willst du noch ein paar Eier mitnehmen? Spiegelei zum Abendbrot?" Sibylle sah den Nachbarn fragend an. Auch der Polizist wartete auf Horstis Antwort.
"Nöö, Meta hat ja wohl schon Eier geholt. Nöö, wir haben da was von Motorsägen. Und dass die weggekommen sein sollen, aus den Garagen, und immer sonntagabends, wenn "Tatort" läuft." Abrupt brach Horsti ab und sah sich unsicher um. Puh! War noch mal gut gegangen. Schnell wickelte er den Gesprächsfaden weiter ab. "Ja, und Oles Säge, die war ja auch weg.“, sagte Horsti mit einem Seitenblick zu Ole.
Ole versteht den Wink und übernimmt: „Aber deinen Baum, Sibylle, den haben wir trotzdem umgemacht, den wollten wir dir noch schnell aufstellen zum Schmücken. Schön groß ist der und schlank gewachsen. Der wird dir gefallen!“ Antwortheischend sahen die beiden Männer sie an.
"Ja dann macht mal hin! Fred und ich haben noch eine Kleinigkeit zu besprechen." Sibylle schaut den beiden nach, als sie die Küche verlassen und bemerkt Horstis eigenartigen Blick, den er ihr über die Schulter hinweg zuwirft. Sie wendet sich Fred zu: "So, Fred. Und nun mal Tacheles. Was hat das alles auf sich?"
Doch gerade, als Fred antworten wollte, schepperte es draußen auf dem Hof und Sibylle zuckte zusammen....

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Währenddessen fing in Fleestedt der Glockenturm an zu vibrieren, als Pastorin Dorothée Fuchs an ihm vorbei zum Gemeindehaus eilte. Kurz darauf hörte man die Glocken schlagen. „Schon um 6, das kann doch nicht wahr sein!“, dachte sie sich. Sie kam gerade von einem Geburtstagsbesuch und hatte sich eigentlich schon vor einer halben Stunde mit dem Küster Peter Lauer verabredet. Sie wollten zusammen die Vorbereitungen für die Weihnachtsgottesdienste besprechen.
Sie setze sich ihre Maske auf, öffnete die Eingangstür und rief wie immer: „Ich bin da, Markus! Es kann losgehen!“ Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, ging sie mit großen Schritten durch den Flur und stieß die Tür zum großen Sitzungsraum auf. Da sah sie ihn: Peter saß zusammen gekrümmt vor dem Altar. Er hatte den Kopf gehoben, sah sie an und stieß stöhnend hervor: „Er – ist – weg – gerannt! Da – lang!“ Er deutete mit seinem linken Arm in Richtung Kirchentür. Dorothée zählte 1 und 1 zusammen und hastete zum Kircheneingang hinaus. Nur leider waren ihre Augen nicht so schnell an die Dunkelheit gewöhnt und es brauchte einen Moment, bis sie vorn am Weg die schemenhaften Umrisse einer davonstürzenden Person wahrnehmen konnte. Sie eilte ihr hinterher, aber schon am Nachbargrundstück wurde ihr klar: Der Typ ist entwischt! Sie rannte zurück in die Kirche, um sich um Peter zu kümmern.
Der hatte sich inzwischen aufgerichtet und stützte sich mit seinem linken Arm am Altar ab. Seine rechte Hand hielt er fest an seinen Bauch gedrückt.
„Was um alles in der Welt ist denn passiert? Bist du verletzt? Ich ruf den Rettungswagen!“, stieß Dorothée hervor und rang nach Luft.
„Nee nee, mach mal halb lang. Das ist nur´n verflixt harter Stoß gewesen!“, keuchte Peter. „Der kam einfach rein, als ich das Stroh in die Krippe gelegt hab´ und hat sich mir nichts dir nichts das Jesuskind geschnappt. Das hab´ ich doch nur mal kurz auf ´nen Stuhl gelegt!“
„Er hat das Jesuskind genommen?“, fragte Dorothée ihn mit ungläubiger Miene.
„Ja! Und da hab ich ihm ein Bein gestellt und er ist hingefallen. Muss sich ganz schön die Stirn an der Stuhlkante dort aufgeschlagen haben!“, erklärte Peter weiter und deutete auf den Stuhl neben der Krippe. „Na jedenfalls hat er sich wahnsinnig schnell wieder aufgerappelt und mir mit dem Fuß in den Bauch getreten, ein, zwei, drei Mal.“
„Das kann doch nicht wahr sein! Und dir geht es wirklich gut? Komm mal mit, wir holen dir mal was zum Kühlen!“, sagte Dorothée und half Peter aufzustehen.

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„Das kann doch nicht wahr sein! Und dir geht es wirklich gut? Komm mal mit, wir holen dir mal was zum Kühlen!“, sagte Dorothée und half Peter aufzustehen.

Während Peter versorgt wurde, sortierte Dorothée in Gedanken die Geschehnisse. Peter bereitet die Krippe vor, während ein Fremder dabei das Jesuskind klaut und damit wegrennt. Das ärgerte sie gleich doppelt. Hatte sie doch ihre Babypuppe aus ihrer Kindheit zur Verfügung gestellt, um ein Jesuskind für den Gottesdienst zu haben. Nun hatten sie weder ein Jesuskind noch sie ihre alte Babypuppe, an der so viele schöne Erinnerungen hingen.

„Peter, geht es dir wieder besser?“ erkundigte sie sich bei dem Küster. „Jaja, das geht schon. `War wohl eher der Schrecken.“ beruhigte er sie.

In dem Augenblick kam Markus herein, der junge Praktikant, der ein freiwilliges soziales Jahr in der Gemeinde machte. Er war in Hittfeld aufgewachsen und ging schon sein ganzes Leben in der Gemeinde ein und aus. Als Sohn von Horsti kam er als kleiner Junge schon mit Sibylles Sohn zu den vielen Angeboten der Kirchengemeinde. Nun wollte er nach der Schule sich voll und ganz der Gemeinde widmen, um zu sehen, ob er das zu seinem Beruf machen wollte.

Mit seiner fröhlichen und kreativen Art eroberte er schnell die Herzen der Menschen und war bei Alt und Jung beliebt.

„Markus, stell dir vor, da hat jemand unsere Puppe für die Krippe geklaut.“

Markus war mit schnellem Schritt und winkend in das Gemeindehaus gekommen. Als er die Nachricht von Dorothée hörte, stoppte sein Schritt, sein Lächeln auf dem Gesicht verschwand und er wurde kreidebleich.

So hatte ihn Dorothée ihn noch nie gesehen. „Markus, was ist los? Geht es dir nicht gut?“

„Was machen wir denn jetzt ohne Kind in der Krippe?“ stammelte Markus. „Wisst ihr, wer es genommen hat? Seit wann ist sie denn weg? Wer nimmt denn eine wertlose Puppe mit? Wo bekommen wir denn jetzt so kurzfristig noch eine andere her?“

Noch während Markus redete, ging er wieder nach draußen, ohne sich zu verabschieden. Peter und Dorothée sagen sich fragend an. Was war das für ein Auftritt? Der Diebstahl hatte ihn erschreckt, als hätte man in der Kirche die gesamte Weihnachtskollekte geklaut. In der Ferne hörten sie eine Motorsäge. Wer sägte um diese Zeit noch im Wald?

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Draußen hatte bereits die Dämmerung eingesetzt und auch Markus hörte scheinbar ganz in der Nähe die Motorsäge kreischen. Sein Blick folgte dem unüberhörbaren Geräusch und blieb bei einer dunklen Gestalt drüben am Waldesrand hängen. Was gab es nun dort zu sägen? War da wieder jemand unterwegs, der sich auf billigem Wege Brennholz verschaffte? Er hasste dieses Geräusch, war es doch immer mit Zerstörung verbunden. Sein Vater liebte seine Motorsäge und wann immer es zwischen Ihnen Streit gab und sein Vater seine cholerischen Wutanfälle bekam, hatte er seine Motorsäge ergriffen und war auf den Hof gestürmt. Wenig später ertönte das Jaulen der Motorsäge und an ein klärendes Gespräch war nicht zu denken. Markus verband mit diesem Geräusch nichts Gutes.

Die Gestalt hieb mit der Motorsäge auf irgendetwas ein. Plötzlich verstummte das Geräusch, die Gestalt schaute auf, wohl weil sie sich beobachtet fühlte. Markus kniff die Augen zusammen. War das etwa sein Vater? Laut rief er über die Straße: “Papa?“ Die Gestalt wendete sich abrupt ab und lief zum am Straßenrand abgestellten Fahrzeug, öffnete den Kofferraum und ließ die Motorsäge verschwinden, stieg dann selbst in das Fahrzeug und raste davon. Mittlerweile war es so dunkel geworden, dass Markus weder etwas zur Farbe noch zum Fabrikat des Wagens sagen konnte. Hatte er nun durch das Geräusch der Motorsäge eine Assoziation mit seinem Vater hergestellt oder war er es wirklich gewesen? Wenn ja, warum war er so abrupt verschwunden?

Markus beschloss, sich den Sägeplatz näher anzusehen und lief geradewegs auf den Waldrand zu als er bemerkte, dass Dorothee und Peter hinter ihm aus der Kirche traten und nach ihm riefen. Er blieb kurz stehen und zeigte gewichtig in Richtung der Stelle. Er sprintete nun fast und stoppte abrupt, als er den Sägeplatz erreichte.

Oh je, was für ein unwirkliches Bild: Ein Puppenkopf, zwei abgetrennte Beine, ein Torso mit einem abgesägten Arm… obwohl es sich nur um einen Puppenkörper handelte, wirkte es wie ein widerliches Gewaltverbrechen. Nun schrie Markus nach Dorothee und Peter, winkte wie wild mit seinen Armen und er erkannte, dass diese Puppe eindeutig das vermeintlich gestohlene Jesuskind war. Welcher Irre war hier am Werk und welche Intention veranlasste dieses absurde Verhalten? Sollte nun auch das Weihnachtsfest seine Unschuld verlieren? Er hatte plötzlich die Angst im Nacken sitzen und war froh, als Peter und Dorothee den Platz erreichten.

Armer Fred, dieser Fall vor Weihnachten hielt nicht nur den erfahrenen Polizisten in Atem.

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Markus kramte hastig in seiner Hosentasche nach seinem Autoschlüssel. „Wenn wir uns beeilen, vielleicht holen wir ihn noch ein!“ „Nein, lass,“ winkte Peter ab, „das hat doch keinen Zweck, der ist über alle Berge; in der Dunkelheit siehst du auch nix mehr.“

Markus musste Peter wohl oder übel recht geben. Er hatte ein ganz komisches Bauchgefühl. In ihm kamen Szenen der letzten Tage vom Hof wieder hoch, die er sich nicht erklären konnte. Sein Vater war in letzter Zeit ganz komisch gewesen, abwesend, fahrig, hastig, eigenbrötlerisch…

Peter merkte Markus an, dass ihn etwas beschäftigte.

„Komm,“ sagte er, „lass uns mal rüber zu mir gehen. Ich mach uns ein Bierchen auf und du erzählst mal, was dich so aufwühlt.“

Dankbar nahm Markus das Angebot an und dann saßen sie zu dritt in Peters Küche. Bei Peter war es immer gemütlich und jeder, der zu ihm kam, fühlte sich willkommen. In dieser angenehmen Atmosphäre fiel auch Markus das Reden nicht schwer.

Markus versuchte, seinen Gedankenfaden von grad weiter zu spinnen. Peter ließ ihm Zeit und drängte ihn nicht, denn er merkte Markus an, dass es ihm nicht gerade leichtfiel. Lotta kam in die Küche und sprang Markus auf den Schoß, schnurrend um Krauleinheiten zu erobern.

Markus Hände strichen wieder und wieder über den weichen Katzenrücken und bei jedem Strich schienen ihm die Worte leichter zu fallen.

„Schon vor´m 1. Advent ist mir aufgefallen, dass Papa anders war,“ begann er leise.

„Was meinst du mit anders?“ hakte Peter vorsichtig nach. Auch Dorothee war jetzt   ganz Ohr.

„Immer, wenn es darum ging, es bei uns weihnachtlich zu schmücken, war Papa weg. Mama gab sich so viel Mühe und auch wir Kinder hatten Spaß daran. Wir haben eine große Krippe gebaut, in der man fast hätte ein echtes Baby legen können. Meine Nichte hat dann ihre Puppen hineingelegt. Wir alle fanden das ganz schön, nur Papa ist fürchterlich wütend geworden. Er hat dann rumgebrüllt: ‚Die blöden Puppen haben da nichts verloren!‘ Er hat sie dann rausgeworfen und ist mit ihnen nach draußen auf den Hof gelaufen. Wir konnten uns nicht erklären, was ihn so in Rage gebracht hat.“

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Zur gleichen Zeit saß Werner Voß im behaglich warmen Zimmer einer Notunterkunft. Dorthin hatten Mitarbeiter der Diakonie ihn gebracht, nachdem sie von Sibylle K. benachrichtigt worden waren. Vom zugigen Dachboden der Kirche hierher, wo es immerhin warm war. Eigentlich war das gar nichts für ihn – wann immer er feste Wände um sich herum hatte, machte sich in ihm das Gefühl breit, dass diese auf ihn zu kamen, ihn schier erdrücken wollten. Das war nicht immer so gewesen – auch Werner Voß hatte ein gut bürgerliches Leben geführt, wie so viele andere seiner Generation auch. Mehr als gut bürgerlich sogar. Als IT-Fachmann hatte er zunächst gutes Geld gescheffelt, jeder hatte sich darum gerissen, zu seinen opulenten Partys eingeladen zu werden. Seinem Bruder Hartmut war das oft genug sauer aufgestoßen – dem Herrn Pastor war es nicht recht gewesen, dass die schönsten Frauen seine Gäste waren, dass der Champagner in Strömen floss und die Autos seiner Flotte gar nicht groß genug sein konnten. Wer kann, der kann, hatte er damals gedacht.

Aber dann war die IT-Blase geplatzt, seine Aktien waren an der Börse abgeschmiert, zuletzt waren sie nicht mal das Papier wert, auf denen ihr Wert verzeichnet war. Aus und vorbei – die Villa in Mortensen gepfändet, die Autos verscherbelt und die vermeintlichen Freunde in alle Winde zerstreut. Ausgerechnet am 1. Weihnachtstag kam die Steuerfahndung. Nur Dank seines gewieften Anwalts konnte er eine längere Haftstrafe umgehen, aber fünf Jahre hatte er doch eingesessen. Und seitdem hielt er es in vier Wänden nicht mehr aus. Musste raus, musste den Wind auf der Haut spüren und seine Zelte abbrechen können, wann immer es ihm gefiel.

Bah, und sein lauer Bruder Hartmut, der mit seinem Vergebungsgefasel! Dass er ihm einen Job in seiner Gemeinde beschaffen würde, dass er der Küsterin zur Hand gehen konnte, für ein paar Groschen – er, dem die ganze Welt zu Füßen gelegen hatte! Und dabei hatte Hartmut so milde von oben herab gelächelt, ihm die Hand gereicht und ihm ein Butterbrot angeboten – natürlich nur, wenn er den Hof des Pastorats akkurat fegen würde. Da hatte er danken abgelehnt. Überall im Dorf sang man das Hohelied auf seinen Bruder – dem würde er es zeigen! Gut, dass er schon bald einen Gleichgesinnten gefunden hatte…

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Werner Voß hat sich den Kirchenschlüssel bei seinem Besuch bei Hartmut mitgenommen. Der hing nämlich ganz offen sichtbar im Flur an einem Schlüsselbrett. „Warum nicht?“, hatte er bei sich gedacht. Er brauchte dringend eine Unterkunft für die Nacht. Die Alarmanlage der Kirche kannte er, hatte er sie doch damals seinem Bruder empfohlen, weil er die gleiche für seine Firma angeschafft hatte. Er kannte sie also genau und wusste, wie er sie so einstellen konnte, dass er unbehelligt auf die Empore gelangte.

Nachdem er die ersten drei Nächte in den Kirchenbänken geschlafen hatte, beschloss er, dort sein Domizil aufzubauen und richtete sich den Dachboden ein. Dort oben konnte er auch tagsüber Zuflucht finden und musste sich nicht den fragenden und abwertenden Blicken der Hittfelder aussetzen. Nach einer Woche hatte er von den Raviolidosen schließlich genug und überlegte, wie er etwas anderes beschaffen konnte. „Was ist nur mit der guten alten Zeit geworden, in der ich mir die frischen Sylter Austern schmecken lassen konnte? Die gute alte Zeit.“, sinnierte er und auf einmal kam ihn ein Gedanke: „Der gute alte Horsti hat doch bestimmt immer noch seinen Hof! Der wird doch gerade bestimmt für Weihnachten schlachten - Da fällt doch bestimmt etwas für seinen guten alten Schulfreund ab!“

Horsti und Werner waren seit Kindertagen befreundet, haben die Schulverweise immer geteilt, nur war Werner dann irgendwann zu beschäftigt gewesen, um seinem Freund weiterhin die Treue zu halten.

Werner fuhr mit dem Bus zu Horstis Hof und fand ihn in seiner Scheune. Er schärfte gerade seine Kette für die Motorsäge. Die beiden hatten sich seit 34 Jahren nicht mehr gesehen, aber gleich sprang der Funke wieder über und die beiden zechten die ganze Nacht. Werner konnte endlich mit jemanden über seine Sorge sprechen:

„Weiß'u, ich hab die Faxen dicke von dem Geschwafel über die heile Welt! Die Welt ist ganz und gar nicht heil! Ich hab alles verlorn was ich hatte und mein Bruder spricht nur von „Der Herr wird dir vergeben!“ Der aufgeblasene Sack kann mich mal. Ich putz doch nicht für meinen Bruder für paar Euro das Klo!“

„Wie wär’s denn, wenn wir deinem Herrn Bruder seinen Weihnachtsauftritt mal ordentlich durchkreuzen würden?“, verschwörerisch funkelten Werners Augen hinüber zur Kettensäge.

„Au ja! Lass uns mal für ordentlich Angst und Schrecken bei Herrn Ich-vergebe-dir sorgen!“